In Gedenken...

Zwei Menschen sind im Winter 2026 auf den Straßen Wiens erfroren. Im Rahmen unserer Kundgebung ‚Obdachlosigkeit trifft jeden‘ haben wir innegehalten um ihnen zu gedenken. 
Lesen Sie dazu die Rede, die unsere Kollegin Ela Kordovsky für sie geschrieben hat:

Liebe Mitmenschen,
ich möchte euch heute von Peter und Ali erzählen. Zwei ganz unterschiedliche Menschen, mit zwei ganz verschiedenen Lebensgeschichten – aber dem gleichen Schicksal. 

Peter war ein glückliches Kind. Seine Eltern haben es sich lange gewünscht – ja genau das: Eltern zu werden. Und eines Tages geschah dieses kleine Wunder, und sie waren zu dritt. Peter wächst mit ihnen in einem Wiener Gemeindebau auf. Die kleine Familie hat nicht viel, Geld spielt immer eine Rolle – so wie überall, wo es fehlt. Aber seine Eltern kennen es nicht anders, sie sind selbst in Armut aufgewachsen. 

Fünf Generationen. So lange dauert es in Österreich im Schnitt, bis Kinder aus den ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung das Durchschnittseinkommen erreichen. 

Dann kommt dieser Anruf. Peters Papa hatte einen Arbeitsunfall. Einen tödlichen. Peter schaut seiner Mama dabei zu, wie sie zerbricht. Und Peter, der noch so klein ist, versteht mit der Zeit, dass ihm dieser Unfall nicht nur seinen Papa gekostet hat. 

Er kommt in eine Pflegefamilie, wo er Missbrauch und Gewalt erlebt. Er kommt von einer Pflegefamilie in die nächste. Er verkraftet diese Instabilität nur schwer. Er wird ruhig, zieht sich zurück. Kontaktversuche mit seiner Mama scheitern immer wieder. Er geht nicht gerne in die Schule, weil er es satt hat, sich in einem Raum voller Menschen so allein zu fühlen. 

Er beginnt früh zu trinken – erst aus Langeweile, dann aus Routine. Jeden Tag sitzt er nach der Schule am selben Platz vor dem Supermarkt. Immer öfter auch statt der Schule. Bis ihn eines Tages jemand vor dem Supermarkt anspricht und ihn fragt, ob er nicht kurz helfen kann. Ein Tischler, der seine Werkstatt nebenan hat. Er hilft ihm beim Verladen – und kommt wieder. Und wieder. Peter ist ein Routinemensch, statt zum Supermarkt geht er nun in die Tischlerei. 

Dann kommt das Angebot: eine Lehre. Eine Chance. 

Peter macht sein letztes Schuljahr fertig, beginnt die Ausbildung, arbeitet mit seinen Händen. Er, der nie so recht etwas mit sich anfangen konnte, erschafft nun Dinge mit seinen eigenen Händen. Und zum ersten Mal seit Kindheitstagen fühlt er wieder so etwas wie Glück. Er findet Anschluss, lernt jemanden kennen, geht wieder gerne unter Leute. Es geht ihm gut. 

Doch eines Tages kommt er verkatert in die Arbeit. Es wurde am Abend davor gefeiert, ein Geburtstag oder ein Lehrabschluss oder so. Und das Schicksal wiederholt sich: ein Arbeitsunfall. 

Arbeitsunfähigkeit, Jobverlust, Alkohol, Trennung, Rausschmiss aus der gemeinsamen Wohnung – nach und nach gehen ihm auch die Freunde aus, bei denen er noch unterkommen könnte. 

Und Peter landet auf der Straße. 

Er versucht es mit Notschlafstellen. Aber dort fühlt er sich nicht sicher. Zu viele Menschen auf engem Raum, Konflikte, Diebstahl – alles ist so unberechenbar. Trinken darf man dort auch nicht. Peter hasst es, sich in einem Raum voller Menschen so allein zu fühlen. 

Auf der Straße ist es hart – aber sie ist für ihn berechenbarer. Dort kennt er die Orte, die Abläufe. Peter ist ein Routinemensch. Und so entscheidet er sich immer wieder dagegen, in eine Unterkunft zu gehen. 

Ali ist im Irak geboren. Und Ali kommt aus einer ganz anderen Welt. Er wächst in einer wohlhabenden Familie auf. Bildung ist für ihn selbstverständlich. Er ist sehr gut gebildet, studiert Jus und hat Ziele für die Zukunft – die sich in so einem instabilen Land nicht ausgehen. Wegen der politischen Lage wird dieses Leben Stück für Stück unmöglich. Sein Studium kann er nicht beenden. Chancen verschwinden. Sicherheit auch. 

Also legt seine Familie zusammen, was sie hat. Tanten, Onkel – alle zahlen mit. Flucht ist ein teures, sehr gefährliches Unterfangen. Die Schlepper sperren ihn in den Kofferraum, in LKWs und pferchen ihn in Boote. Überall katastrophale Zustände: extreme Hitze, Kälte, kein Wasser, kein Platz. Auf dieser Flucht sieht er Menschen sterben. Menschen mit der Hoffnung auf ein besseres Leben – so wie er. 

Ali schafft es nach Österreich. Aber er ist tief traumatisiert. Das macht das Ankommen schwer. Die Notunterkunft hält er nicht aus. Ali weiß nur eines: Er kann nie wieder eingesperrt werden. Nie wieder nach den Regeln anderer leben. 

Auch er versucht es immer wieder mit Unterkünften. Aber die Enge, die vielen Menschen, die Lautstärke, die fehlende Privatsphäre – all das erinnert ihn an das, was er erlebt hat. Es überfordert ihn. Es macht ihm Angst. Für ihn fühlt sich das nicht nach Schutz an, sondern nach Kontrollverlust. Ali ist psychisch krank – so wie zwei Drittel aller Menschen, die auf der Straße leben. 

Das sind Peter und Ali. Zwei ganz unterschiedliche Menschen, mit zwei ganz verschiedenen Geschichten – aber dem gleichen Schicksal: 

Sie sind beide diesen Winter auf den Straßen Wiens erfroren. 

Peter und Ali könnten auch Christoph, Mohammed oder Pawel heißen. Ich hätte euch gerne ihre echten Namen verraten, ihre wahren Geschichten erzählt. Aber ich kenne sie nicht. 

Im ORF hieß es am 15.01.2026 nur: „Zwei Männer sind bei der derzeitigen Kältewelle in den vergangenen Tagen in Wien erfroren.“ 

Nach Angaben des Fonds Soziales Wien gab es immer wieder Kontaktaufnahmen mit den beiden Männern. Doch sie wollten in keine Notschlafstelle. 

Warum? 

Dass Menschen selbst bei lebensgefährlicher Kälte Notschlafstellen ablehnen, hat meist nichts mit Gleichgültigkeit zu tun, sondern mit einer komplexen Lebensrealität: Viele fürchten den Verlust ihrer Selbstbestimmung durch strenge Regeln, haben schlechte Erfahrungen gemacht oder empfinden die Unterkünfte als unsicher und entwürdigend. Dazu kommen psychische Erkrankungen oder Sucht, die es erschweren, Hilfe anzunehmen, sowie soziale Bindungen auf der Straße, die sie nicht aufgeben wollen. 

Das Kältetelefon verzeichnete im Winter 2025/26 über 15.500 Anrufe – ein Rekord. 

Und trotzdem sind Menschen gestorben. Menschen mit Träumen, Hoffnungen und dem Wunsch nach einem besseren Leben. 

Obdachlosigkeit heißt: keinen Rückzugsort zu haben. Mit Kälte, Angst und Erschöpfung zu leben. Jegliche Unsicherheit auszuhalten – und dabei oft übersehen oder abschätzig behandelt zu werden. 

Was es wirklich heißt, kann niemand wissen, der es nicht erlebt hat. 

Heute möchten wir diesen Menschen – auch wenn wir ihre wahren Namen und Geschichten nicht kennen – eine letzte Ehre erweisen. 

Denn hinter jeder Zahl steckt ein Name, ein Schicksal, eine Geschichte. 

Wir gehören alle zusammen. 

Und lasst uns zum Schluss gemeinsam eine Minute innehalten – für Peter, für Ali und für all jene, die wir nicht kennen. 

Jetzt. 

 

 

 

Leitbild der VinziRast

Wir sind eine unabhängige, offene Gemeinschaft.

Uns verbindet die Aufgabe, obdachlosen Menschen und geflüchteten Menschen ein Zuhause, Geborgenheit und Wärme zu bieten. Wir sind freiwillig tätig, kommen aus allen Altersgruppen und Berufen und aus unterschiedlichen sozialen Hintergründen.

 

Unseren Bewohner:innen und Gästen begegnen wir mit Respekt.

Wir nehmen sie an, wie sie sind. Die Qualität der Beziehung stellen wir in den Vordergrund. Neben der Bereitstellung alltäglicher Notwendigkeiten bieten wir unseren Gästen Zeit und Zuwendung. Wir geben Raum zur Entfaltung von Selbstwertgefühl und Lebenskompetenz.

 

Teamgeist verbindet uns.

Wir stellen uns der Herausforderung einer immer wieder neuen Aufgabe. Teamgeist verbindet uns. Die Chance einer spirituellen und persönlichen Entwicklung ist vielfältig gegeben.

 

Liebe zum Menschen

In unserem Tun und Denken leiten uns Liebe zum Menschen, Vertrauen, Achtsamkeit, Freude, Eigenverantwortung, Mut und die Bereitschaft zur Versöhnung. Wir nehmen jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit an.

 

Den Spender:innen bieten wir Sicherheit und Transparenz.

Unseren Spender:innen bieten wir für ihre Zuwendungen Sicherheit und Transparenz. Mit den zur Verfügung gestellten Ressourcen gehen wir widmungsgemäß, kompetent, sparsam und verantwortungsvoll um.