Chris Lohner ist Schauspielerin, Kabarettistin und Bestseller-Autorin. Als ORF-Moderatorin und als Stimme der ÖBB wurde sie einem breiten Publikum bekannt. Sie bezeichnet sich selbst als Kind des Gemeindebaus. Heute ist sie vor allem durch ihr weitreichendes soziales Engagement präsent.
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Veronika Kerres trifft die Sozialaktivistin zum Frühstück im VinziRast-Lokal mittendrin und spricht mit ihr über Armut, Demut und eine Gesellschaft, die verlernt hat hinzuschauen – mit der Zuversicht, dass ein Perspektivenwechsel alles verändern kann.
Hat sich in puncto Solidarität etwas verändert? Sie engagieren sich schon sehr lange im sozialen Bereich – was ist Ihr Eindruck?
Es hat sich vor allem seit der Pandemie sehr viel geändert. Ich hatte gehofft, dass durch den Lockdown die Menschen wieder näherzusammenrücken – so wie in der Zeit des Krieges, den ich erlebt habe. Ich bin 1943 geboren. Nach dem Krieg sind die Menschen näher zusammengerückt, weil keiner etwas hatte. Das Wenige, das man hatte, wurde auch noch geteilt. Je mehr man besitzt, desto größer ist der Abstand zum Nächsten. Wer nichts hat, muss auch nicht fürchten, dass man ihm etwas wegnimmt. In meiner Kindheit hat es keinen Neid gegeben, weil wir alle arm waren. Heute in Zeiten des Wohlstandes sind die Menschen egomanischer, egoistischer geworden, mit viel weniger Empathie, weniger Respekt. Sicher auch verstärkt durch social media, wo sich jeder in der Anonymität äußern kann, egal wie sinnvoll oder nicht.
Wir von VinziRast sehen es jeden Tag: Wer einmal neben einem obdachlosen Menschen gewohnt, gegessen oder gearbeitet hat, sieht die Welt anders. Glauben Sie, dass ein Perspektivenwechsel sich erzwingen lässt?
Ich glaube, dass es immer die persönliche Begegnung braucht. Es sind Einzelschicksale, die berühren, weil man sich damit identifizieren kann. Einen Perspektivenwechsel kann man nicht erzwingen, aber man muss bereit sein, sich darauf einzulassen. Mit Scheuklappen durchs Leben zu rennen ist da nicht sehr hilfreich.
Und wir lernen auch in der VinziRast, dass man demütig wird.
Ja, Demut ist wichtig. Empathie, Respekt und Demut – das sind Eigenschaften, die sehr im Verschwinden sind. Wir leben in einem technologischen Zeitalter und nicht in einem humanistischen. Das ist das Problem. Wir sind zwar technisch unheimlich weit und werden uns demnächst irgendwelche Apartments auf dem Mond mieten können – aber was die menschliche Seite betrifft, sind wir relativ verkümmert. Seit es das Internet gibt, ist Technik für viele das Wichtigste geworden.
Sind diese Werte tatsächlich nicht mehr angesagt oder verloren gegangen?
Solche Werte müssen von irgendwoher kommen – zum Beispiel von zu Hause. Aber viele Menschen sind heute zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Außerdem wird gern auf hohem Niveau gejammert. Es geht uns generell gut, aber es gibt mittlerweile auch hier immer mehr Armut. Aber arme Menschen schämen sich oft dafür und ziehen sich zurück. Es ist auch nicht immer leicht, Hilfe anzunehmen, aber das kann man lernen. Das ist sehr wichtig.
Woher kommt Ihr soziales Engagement?
Chris Lohner: Ich komme aus einer humanistischen Familie. Mein Vater war der jüngste Erwachsenenbildner in Österreich – er war Volkshochschuldirektor im 5. Bezirk, ein unglaublich hilfsbereiter Mensch. Wenn du das dein ganzes Leben lang siehst – dass immer jemand kommt, der etwas braucht, und mein Vater sofort eine Lösung hatte – dann prägt das. Das ist eine Eigenschaft, die ich von ihm übernommen habe. Wenn mir jemand von einem Problem erzählt, überlege ich sofort, was man tun kann.
Das heißt, es war selbstverständlich in Ihrem Elternhaus, dass man auf andere Menschen schaut.
Chris Lohner: Ja, das war schon als Kind ganz normal für mich. Ich bin zu Weihnachten in Altersheime gegangen und habe Geschichten vorgelesen, schon mit 13 Jahren. Für mich war das völlig selbstverständlich. Und das Schöne daran: Helfen ist rückbezüglich – man bekommt etwas zurück. Das Gefühl, wenn sich jemand freut, dass geholfen wurde, das kann man sich nicht kaufen, das wärmt das Herz. Alles im Leben ist rückbezüglich. Auch das Negative. Darüber sollten die Leute nachdenken, bevor sie über andere herziehen – das tut ihnen selbst nicht gut, weil Bösartigkeit ihre eigenen Zellen vergiftet.
Ja, aber es ist schwierig, jemandem das so direkt zu sagen.
Ich mache das. Ich bin in einem Alter, wo mir das egal ist. Ich sage, was ich will. Wenn es jemandem nicht passt, muss er ja nicht zuhören. Es geht im Leben letztendlich darum, kritisch zu bleiben, alles zu hinterfragen und sich nichts gefallen zu lassen. Ich gehe auch in Volksschulen und in Höhere Schulen – unentgeltlich, das ist mein Privatvergnügen – und erzähle den Kindern, wie es in Wien war, als ich so alt war wie sie. Das ist ein Zeitzeugnis. Die Kinder sind neugierig und stellen ununterbrochen Fragen. Ich erzähle ihnen zum Beispiel, dass ich mit meiner Großmutter auf den Laaerberg gegangen bin, um Brennnesseln für das Abendessen zu pflücken – und dann sind viele erstaunt, dass man „Kräuter auch essen" kann.
Aber es wird bald keine Großeltern mehr geben, die den Krieg erlebt haben.
Chris Lohner: Nein, natürlich nicht. Deshalb mache ich das auch. Ich habe auch ein Buch geschrieben: „Ich bin ein Kind der Stadt: Wienerin seit 1943". Das ist auch ein Programm geworden, das ich gemeinsam mit Toni Matosic von der Band Monti Beton auf die Bühne gebracht habe – mit 15 Liedern, humorvoll aufgearbeitet. Es ist wichtig, die Menschen zu erinnern. Meinen Großvater haben die Nazis umgebracht – auch das erzähle ich. Ich kann nicht verstehen, dass junge Leute dieser Ideologie noch nachhängen, mit dem Wissen, was damals alles war. Wir sind, so würde ich sagen, eine missratene Spezies. Weil das, was wir tun, tun Tiere nicht. Welches Tier errichtet Lager, um andere zu quälen, zu foltern und umzubringen?
Ich habe das Gefühl, dass Obdachlosigkeit für viele Österreicher kein brennendes Thema ist. Und jetzt wird auch noch extrem gekürzt.
Nicht nur dort. Auch in der Kultur wird extrem gespart. Die Freien Künstler haben in der Pandemie nichts bekommen. Die großen Häuser, die Burgtheater, dort haben alle ihre Gagen bekommen, auch vor leeren Häusern. Wir haben vor 15 oder 30 Leuten gespielt – und haben gesagt: Wir sind für euch da. Man verdient ja beim Theater nicht besonders viel.
Sie fahren auch in Länder, die wirklich viel ärmer sind. Aber in Österreich ist jetzt fast jede fünfte Person armutsgefährdet. Wie sehen Sie das?
Trotzdem haben wir ein soziales Netz – und das hat Afrika nicht, Südamerika nicht, Asien auch nicht. Wir haben hier ein Gesundheitssystem, über das immer gejammert wird. Ich versuche dann daran zu erinnern, dass wir auf sehr hohem Niveau klagen. Alles kann man verbessern – aber wir hier haben wenigstens etwas zum Verbessern.
Wir bemerken, dass auch psychische Erkrankungen und körperliche Belastungen immer mehr ein Thema sind.
Man soll nicht unterschätzen, wie schnell man auf der Straße landen kann. Das kann jedem passieren, schneller als man denkt. Das sind Menschen wie wir. Es ist wie bei einer Alkoholerkrankung: Sie kann einen Universitätsprofessor ebenso treffen wie Menschen aus allen anderen Schichten. Wie rasch man durch Sucht abrutschen und alles verlieren kann, wird oft unterschätzt. Man sollte nie vorschnell urteilen, wenn man keine Ahnung hat.
Wenn jemand sagt, wer arm ist, ist selbst schuld – was antworten Sie dem?
Das ist der dümmste Satz, den ich je gehört habe. Wie gesagt, es kann schnell jeden von uns treffen.
Glauben Sie, dass die Politik versagt – dass es solche Institutionen wie VinziRast oder Caritas überhaupt braucht?
Ohne NGOs geht gar nichts, aber sie werden nicht mehr so viel unterstützt wie früher. Es wird alles gekürzt und oft kommt das Geld nicht dorthin, wo es hinsollte. Ich würde den Bundeskanzler und einige aus der Regierung gerne fragen: Was genau macht ihr für die Bürger, die euch wählen? Was macht ihr für die, denen es schlechter geht als euch? Schaut ihr dorthin, oder schaut ihr gar nicht hin?
Was könnte man konkret tun, um Armut zu bekämpfen?
Bildung ist die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben. Jemand, der schreiben und lesen kann, kann sagen, was er will und was er nicht will. Wer es nicht kann, ist ein Werkzeug für andere – wird leicht missbraucht, ist leicht zu manipulieren, wenn er keine eigene Meinung hat. Bildung ist das elementarste Mittel gegen Armut. Ich habe keine Universallösung. Aber es gibt Fachleute, deren Beruf es ist, Lösungen zu finden. Wir können es nur aufzeigen und versuchen zu helfen, wie wir können.
Was gibt Ihnen Hoffnung oder Zuversicht? Gibt es etwas Positives?
Ja, wenn ein Pendel so weit in eine Richtung ausschlägt, muss es irgendwann wieder zurück. Das ist sicher. Ob ich es erlebe, weiß ich nicht – aber es wird kommen. Und ich bemerke schon, dass sich etwas verändert. Das Engagement und das Bewusstsein der Jugend ist sehr groß. Es gibt tolle junge Menschen. Ich sehe es, wenn ich in die Schulen gehe. Es gibt auch die, die mit 18 schon an Frühpension denken und nur von Work-Life-Balance reden. Aber es gibt auch viele, die sich für andere Menschen einsetzen. Man muss mit den Leuten reden, man muss sich einmischen. Und wenn jemand etwas Falsches sagt oder macht, muss man das nicht hinnehmen. Man darf nicht wegschauen.
Sie sind 82 Jahre alt und engagieren sich sehr viel: Was soll von Ihrem Vermächtnis übrigbleiben?
Ich brauche kein Vermächtnis. Es reicht mir, wenn in Afrika tausende Menschen durch meine Arbeit für „Licht für die Welt“ wieder sehen können. Die müssen nicht wissen, dass ich das war – und das ist genug. Oder wenn es jemand etwas besser geht, weil ich bei VinziRast vorbeigeschaut habe. Das ist ein Vermächtnis. Da muss mein Name nicht dranhängen. Ich habe auch in meinem Testament die Jugend bedacht. Ich habe keine Familie mehr – also warum nicht? Alles, was ich besitze, soll verkauft werden und unter anderem einer Jugendorganisation zugutekommen. Das ist eine schöne Investition in die Zukunft.
Welchen Appell würden Sie gerne an unsere Leserinnen und Leser richten? Was kann jeder von uns tun?
Jeder soll sich nach seiner eigenen Persönlichkeit, seinem Temperament und seinen Möglichkeiten überlegen, was er als Einzelperson tun kann, um für jemand anderen das Leben ein bisschen zu verbessern. Da muss man sich nicht nach mir orientieren. Alles, was ich will, ist, dass Menschen anfangen nachzudenken – über andere. Mehr muss es nicht sein. Mach, was du kannst, aber mach es. Man ist nicht allein auf der Welt, es gibt immer Menschen, denen es noch schlechter geht. Und: Wegschauen ist Mittäterschaft.




